
Die kürzeste Antwort von Theologe Eberhard Jüngel über Gott: “Gott ist nicht notwendig, er ist mehr als notwendig.”
Jüngel beansprucht den Satz Gott ist nicht notwendig als einen theologischen Satz, dessen Wahrheit nicht anzufechten, sondern zu bedenken ist.
Die These von der weltlichen Nichtnotwendigkeit Gottes kann als Ausdruck einer Grundeinstellung der Neuzeit verstanden werden. Als Laplace sein Planetensystem Napoleon erklärte und dieser fragte, wo denn Gott in diesem System seinen Platz habe, antwortete dieser: Sir, diese Hypothese habe ich nicht nötig. Weltliches ohne Rekurs auf Gott zu verstehen, das berühmte etsi deus non daretur, ist allerdings keineswegs zwingend atheistisch. Als Hugo Grotius vom Naturrecht behauptete, es würde auch dann gelten, wenn man annähme - was freilich ohne die größte Sünde nicht angenommen werden darf -, dass es keinen Gott gäbe oder dass er sich um die weltlichen Belange nicht kümmere, hat er selbst diese Sünde keineswegs begehen, sondern die Gabe des Rechts und seine friedensstiftende Kraft preisen wollen.
Dass Gott nicht notwendig ist, ist für Jüngel deshalb ein theologisch wahrer Satz, weil es ein fundamentales Missverständnis Gottes ist, wenn er von uns Menschen, nach unserem Maß als (notwendige) Ergänzung zur Welt hinzugedacht wird. Denn der Mensch und seine Welt sind um ihrer selbst willen interessant. Auch ohne Gott kann der Mensch menschlich sein. Aber Gott ist erst recht um seiner selbst willen interessant. Der als notwendig gedachte Gott ist nicht der freie, uns überraschende Gott. Um den aber geht es im christlichen Glauben. Diese Überraschung wird in der christlichen Sprache Offenbarung genannt. Gott macht den um seiner selbst willen interessanten Menschen in neuer Weise interessant. Darum geht es im christlichen Glauben.
Der christliche Glaube ist kein Welterklärungsinstrument, keine Bedingung der Möglichkeit von Erfahrung, und insofern nicht notwendig, sondern eine Erfahrung mit der Erfahrung, nämlich im Lichte der Liebe Gottes. Diese macht aus Habenden Seiende, die - als hätten sie nicht - zu werden verstehen: nämlich in der beziehungsreichen Unterschiedenheit von Gott, der die weder erschleichbare noch erzwingbare, ganz und gar nicht notwendige, eben so aber mehr als notwendige Liebe ist, eigentümlich menschliche und immer noch menschlicher werdende Menschen.
Quelle: zeit.de
Sein Hauptwerk “Gott als Geheimnis der Welt” ist sehr schwierig zu lesen, aber sehr gut. Dieses Buch kann man bei Amazon kaufen.